Der Anfang

55 Jahre Prager Frühling

Hoffnung und gewaltsames Ende eines sozialistischen Experiments

Der „Prager Frühling“ bezeichnet die Reformbemühungen der Kommunistischen Partei (KSČ) in der Tschechoslowakei im Frühjahr 1968. Unter dem Stichwort „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ sollten den Menschen mehr Freiheiten gewährt werden. Die Sowjetunion stand diesen Vorgängen mit großem Misstrauen gegenüber und ließ den Aufstand mit Truppen des  eines sozialistischen Experiments

Alexander Dubcek (1921-1992) Als Generalsekretär der tschechoslowakischen Kommunisten war er von 1968 bis 1969 der mächtigste Politiker der Tschechoslowakei und wurde die Leitfigur des Prager Frühlings. Zuvor hatte Dubcek bereits die Funktion des Ersten Sekretärs der Kommunistischen Partei der Slowakei inne (1963–1968).

 

In der Tschechoslowakei gab es zu Beginn der 1960er Jahre eine gravierende Wirtschaftskrise. Trotz der Entstalinisierung 1953 verfolgte der Staatspräsident Antonín Novotný eine harte Linie und widersetzte sich jeglichen Reformen. Innerhalb der Partei gab es Impulse für eine Modernisierung von Staat und Wirtschaft. Beispielsweise setzten sich einige Politiker für Ansätze einer sozialen Marktwirtschaft ein. Eine weitere Ursache für die wachsende Unzufriedenheit war die slowakische Nationalbewegung. In der Tschechoslowakei gab es mit der KSS und KSČ zwei kommunistische Parteien. Zum Wortführer der aufstrebenden slowakischen Nationalbewegung wurde Alexander Dubček. Er war der Gegenspieler von Antonín Novotný und setzte sich als solcher für politische Reformen und mehr Autonomie für die Slowakei ein. Die zunehmende Unzufriedenheit der Bevölkerung führte 1968 dazu, dass Novotný von Dubček als Generalsekretär der KSČ abgelöst wurde.

Antonin Novotný (1904 – 1975)
Präsident der CSSR und Generalsekretär der KSC
(Kommunistische Partei der Tschechoslowakei

Der Führungswechsel in der KSČ markierte eine Wende in der tschechoslowakischen Reformpolitik. Dubček setzte sich für einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ ein. Dazu gehörten die Garantie von Grundrechten sowie Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit und die Zulassung anderer Parteien. Des Weiteren sollte die zentral organisierte Planwirtschaft durch mehr Freiheiten für die Betriebe gelockert werden. Es war zudem geplant, dass die in den Jahren zuvor politisch Verurteilten freigelassen werden sollten. Die Herrschaft der Kommunistischen Partei sollte jedoch unbestritten bleiben. Dubčeks Reformeifer ging schnell auf seine Landsleute über, insbesondere die Jugend war begeistert.

Mit dem Reformkurs verband sich die Hoffnung, dem politischen und wirtschaftlichen Einfluss Moskaus zu entrinnen und mehr nationale Selbstständigkeit erlangen zu können. Der Idealist Dubček, obwohl geschult in sowjetischen Partei- und Kaderschmieden, hatte sich weitgehend von der sowjetkommunistischen Doktrin gelöst und versuchte, seine Vision eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu verwirklichen. Der Sozialismus erschien ihm dabei weiterhin als beste Gesellschaftsform, doch hatte er sich von den Vorgaben aus Moskau weit entfernt.

Die Bewegung des „Prager Frühlings“ kulminierte am 27. Juni 1968. Das „Manifest der zweitausend Worte“ (vollständiger Titel: Zweitausend Worte, die an Arbeiter, Landwirte, Beamte, Künstler und alle gerichtet sind; tschechisch: Dva tisíce slov, které patří dělníkům, zemědělcům, úředníkům, umělcům a všem). Es ist einer der wichtigsten Texte des Prager Frühlings in der Tschechoslowakei von 1968.
Es ist Zeugnis einer Emanzipation der Öffentlichkeit und wurde von Intellektuellen verschiedener Couleur unterzeichnet. Das Dokument entstand auf Anregung einiger Mitarbeiter der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften (Československá akademie věd), u. a. Otto Wichterle, Jan Brod, Otakar Poupa und Miroslav Holub. Verfasst wurde es im Juni 1968 von dem bekannten Schriftsteller Ludvík Vaculík. Das Manifest erschien am 27. Juni 1968 in der kulturpolitischen Zeitschrift Literární listy und in den Tageszeitungen Lidové noviny, Práce, Mladá fronta und Zemědělské noviny.

Ludvík Vaculík ( 1926 – 2015 )
war ein tschechischer
Schriftsteller.

Dieses Manifest beleuchtete nicht nur die Rolle der Kommunistischen Partei im Prozess des „Prager Frühlings“ sehr kritisch und forderte eine unbedingte Weiterführung der Reformpolitik gegen die reaktionären Kräfte im In- und Ausland, sondern übte auch allgemein heftige Kritik an den „Irrtümern des Sozialismus“. Die Führung der Kommunistischen Partei lehnte das Dokument als eine Misstrauenserklärung gegenüber ihrer Politik ab. Die Bevölkerung, insbesondere auch die bis dahin eher passive Arbeiterschaft, begrüßte das Manifest hingegen in einem „stürmischen Echo“. Generell führten die „Zweitausend Worte“ zu einer weiteren Radikalisierung, sowohl der konservativen als auch der reformorientierten Kräfte, während die Regierung Černík und die Mehrheit der Parteiführung unter Dubček sich gezwungen sahen, zwischen beiden Seiten zu lavieren.

Ota Šik (1919 – 2004) war ein tschechoslowakischer Wirtschaftswissenschaftler.. Berühmt wurde er als der Schöpfer der Wirtschaftsreformen des Prager Frühlings, die auch unter der Bezeichnung „Der dritte Weg „bekannt

Den zweiten Anstoß für die Reformen gab die Ökonomie selbst. In den 1960er-Jahren war das Scheitern der Planwirtschaft sowjetischen Typs für jedermann zu erkennen. Noch 1962 hatte der zwölfte Parteitag der KP der Tschechoslowakei (KSČ) das Ziel verkündet, bis 1980 den Übergang zum Kommunismus erreicht zu haben, zum Reich der Freiheit im Sinne von Karl Marx. Tatsächlich jedoch kam es nach dem Parteitag zu einem schweren Wirtschaftseinbruch.
Im Machtkampf mit Novotný setzte sich Šik schließlich durch; er konnte seine Ideen in das Aktionsprogramm der Partei vom 5. April 1968 schreiben. Das Programm sagte der „Gleichmacherei“ den Kampf an, eine höhere Produktivität sollte auch durch Lohndifferenzierung und notfalls durch Betriebsschließungen erreicht werden. Gleichzeitig sollte die soziale Absicherung der Arbeiter besser werden, sie sollten in den Großbetrieben und Genossenschaften mitreden können. Gesteuert werden sollte die Wirtschaft nicht mehr durch den Plan, sondern, bis auf einige Ausnahmen, durch den Markt.

1. Mai 1968 in Prag

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